In dieser Folge geht es um den zweiten Teil von Krankenkassenabrechnung. Im ersten Teil des Interviews (siehe Folge #96) hat Jörg Weise bereits einen Einblick in die Abrechnung der Krankenkassen gegeben.
Alle, die diese Folge noch nicht gehört haben, sollten dies auf jeden Fall noch nachholen. Damals waren vor allem die Personen, die an dem Workflow beteiligt sind, im Zentrum der Betrachtung. Diesmal wird ein verstärkter Fokus auf den Prozess als solcher gelegt. Anhand eines Beispiels erfahren wir, wie ein Kostenvoranschlag oder eine Rechnung eingereicht wird, wie dieser dann geprüft und genehmigt und schließlich das Geld ausgezahlt wird.
Bei all dem steht natürlich im Mittelpunkt, wie man das alles mit IT unterstützen kann. Und man kann sehen, dass die Digitalisierung hier (trotz vieler Fallstricke) schon sehr stark Einzug gehalten hat. Leider gibt es ein Hintergrundrauschen, das die Rauschfilter nicht herausrechnen konnten. Dafür schon mal ein dickes Sorry…
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Transkription
Hallo Jörg, nochmal. Hallo, also Jörg Beise ist mein Name, das hatte ich mich schon kurz vorgestellt. Ich bin bei der vasa Abteilungsleiter, ich verantworte das Kundenmanagement, also hier das Kundengeschäft bei der vasa, bin nebenbei noch an der Vombo-Schule Dozent für das Thema eHealth und Gesundheitswesen, vermittle also da schon diese ganzen Grundlagen des ja sehr komplexen Gesundheitssystems. Wir bei der vasa machen hier letztendlich für die gesetzlichen Krankenkassen das Genehmigungs- und Abrechnungsmanagement im weitesten Sinne. Da haben wir natürlich noch viele andere Dienstleistungen, aber das ist unser Hauptschwerpunkt.
Genau. Und heute ist unser Ziel, dass wir einmal so einen Workflow durchsprechen. Denn ich bin mir sicher, die wenigsten können sich vorstellen, wie es weitergeht, nachdem eine Rechnung mal bei dem Apotheker gelandet ist oder eine Taxi-Rechnung eingereicht wurde. Wie läuft es dann ab, und dafür nehmen wir uns ein Beispiel und besprechen das anhand des Beispiels durch.
Genau. Wir hatten beim letzten Mal ja schon gesagt, was es für verschiedene Player an diesem Abrechnungsprozess gibt. Ich würde mich mal so ein bisschen daran entlanghangeln, was vielleicht auch jeder so ein Stück weit nachvollziehen kann. Das ist mein Beispiel, wie es anhand eines Beispiels jetzt auch funktionieren könnte. Also der Patient sozusagen — jeder kennt das vielleicht, hat sich schon mal ein Bein gebrochen — muss zum Arzt und bekommt letztendlich eine Verordnung für ein Hilfsmittel, für eine Gehhilfe beispielsweise oder für einen Rollstuhl, wenn es ein bisschen schwierigerer Unfall war. Skiunfall kommt jetzt bald wieder auf uns zu, und geht damit dann zum Sanitätshaus.
Da kommt schon der erste schwierige Punkt für das Sanitätshaus. Er muss nämlich einen Kostenvoranschlag für die Krankenkasse erstellen. Das ist ein Bereich, der ist sehr gut digitalisiert. Das heißt, die Krankenkassen bieten das Thema elektronischer Kostenvoranschlag an. Dort gibt es verschiedene Formate. Man kann sich das vorstellen wie so eine Art Webmaske, wo das Sanitätshaus die Daten des Versicherten eingibt, und durch diesen elektronischen Kostenvoranschlag wird das dann an die Kasse gesendet, mit der Verordnung zusammen als PDF oder als Bild. Das heißt, dieser Prozess ist schon komplett digitalisiert. Da gibt es jetzt keine Papierbelege mehr. Die gibt es schon, aber das Elektronische ist sehr gut verbreitet.
Wenn es jetzt Papierbelege sind, das wäre sozusagen der zweite Strang: Jetzt beispielsweise bei der Abrechnung von Taxidienstleistungen, ambulantem Krankentransport, ist das sehr häufig der Fall. Dort gibt es jetzt vielleicht nicht unbedingt immer eine Genehmigung. Dort ist es so, dass die Abrechnung sozusagen papierhaft eingereicht wird, wandert dann zu einem Dienstleister der Krankenkassen oder zu den Krankenkassen direkt. Wie gesagt, wir sind ja hier bei der vasa dafür zuständig, diese Annahme überhaupt erst mal zu tätigen. Das heißt, da kommt natürlich auch mal ein Papier an, was wie ein Stapel ist, was zehnmal gelocht und zehnmal getackert ist. Das muss aus dem Briefumschlag raus, da muss der Tacker entfernt werden, damit wir das hier letztendlich für den Prozess dann erstmalig digitalisieren.
Okay, aber jetzt sind wir nicht mehr beim Kostenvoranschlag, sondern jetzt haben wir dann tatsächlich schon die konkrete Rechnung eingereicht. Genauso passiert es aber auch mit dem Kostenvoranschlag, dass dann natürlich verschiedene Formate auch kommen. Also ein kleines Sanitätshaus, das vielleicht noch nicht so weit ist, oder ein altes Sanitätshaus schickt dann natürlich auch noch papierhaft.
Dann kommt der zweite Schritt: Die Kasse nimmt das erst mal an, in irgendeiner Form und Art und Weise, also papierhaft oder digital, und im Prozess vom Sanitätshaus genehmigt sie das auch digital. Das heißt, das Sanitätshaus bekommt dann also eine Rückmeldung über eine E-Mail oder über das Portal an sich, oder bekommt ein digitales Schreiben, wo dann drin steht: Okay, die Leistung, die du hier abgefragt hast, die wird genehmigt. Bei den Sanitätshäusern ist es grundsätzlich immer so, dass es eine digitale und eine papierhafte Genehmigung gibt, also immer diese zwei Wege, weil die papierhafte Genehmigung dann an den Versicherten geht, der dann natürlich auch Bescheid weiß: Okay, es wurde von der Krankenkasse genehmigt, man kann den Rollstuhl jetzt abholen oder liefern lassen.
Gibt es denn bei der Prüfung schon den Einsatz von Rechnern, also Entscheidungsunterstützung, dass man gewisse Regeln anwendet, oder im schlimmsten Fall — sorry für den Begriff, aber im schlimmsten Fall — sogar schon KI, die dann prüft? Oder wird wirklich jeder Beleg per Hand von einem Bearbeiter geprüft?
Also das wäre schlimm, wenn das so wäre. Das ist im Endeffekt die Weiterentwicklung, die es eigentlich schon seit vielen Jahren gibt, dass man sagt, okay, nicht jeder Beleg muss händisch geprüft werden. Es gibt kleinere Krankenkassen, die das tatsächlich noch machen, die haben aber dementsprechend auch wenig Belege. Bei den großen Krankenkassen ist das alles schon mehr oder weniger automatisiert, das heißt, es laufen gewisse Prüfregeln drauf. Also es geht im Endeffekt schon mal los: Hat das Sanitätshaus überhaupt ein IK-Kennzeichen, also gibt es das Sanitätshaus überhaupt, oder stimmen die Kontodaten, ist der Versicherte überhaupt bei uns noch versichert zum gegenwärtigen Zeitpunkt, hat der eine Zuzahlungsbefreiung und so weiter. Also solche, auch mal banalen Regeln werden natürlich relativ schnell automatisch abgebildet. Von KI kann man in dem Sinne jetzt noch gar nicht so richtig reden, das ist dann wahrscheinlich erst eher bei der Analytik und der Weiterverarbeitung wichtig.
Aber sagen wir so, das ganze Genehmigungsmanagement, was wir hier auch machen — also wir haben die Software schon in den 90er Jahren damals entwickelt, die im Endeffekt solche Sachen schon abprüft —, da kommt im Endeffekt dann nur noch hinten raus … Man kann sich das vorstellen wie so einen Trichter: Oben kommen alle elektronischen Kostenvoranschläge oder alle Schreiben rein, dann wird über ein Prüfregelwerk das sozusagen ausgesiebt, und am Ende kommen dann nur noch die raus, die kritisch sind, wo die Prüfstufe nicht erkennt, was hier los ist, oder wenn ein Datum — wie ich letztes Mal schon sagte — ein Leistungsdatum nach dem Briefdatum liegt, beispielsweise. Also so banale Sachen, die dann natürlich händisch im Sinne von Sichtprüfung auf dem Monitor des PCs noch mal nachgeprüft werden.
Okay, und von welchem Verhältnis reden wir da? Wie viele von tausend Rechnungen oder Anfragen bleiben noch übrig?
Das kann man ganz schwer sagen, weil das für jeden Leistungsbereich sehr unterschiedlich ist. Man kann sich vorstellen, im Pflegebereich, häusliche Krankenpflege, wo man teilweise überprüfen muss, ob die Unterschriften dementsprechend auch geleistet worden sind und ob die Daten, die da drinstehen, auch entsprechend logisch sind — dann ist natürlich die manuelle Prüfung weitaus höher als jetzt beispielsweise im Apothekenbereich, wo man relativ schnell ein Rezept auslesen kann, die Verträge, die dahinter liegen, relativ gut hinterlegen kann. Also es ist sehr unterschiedlich.
Also am schwierigsten ist es in der Pflege, um das mal festzuhalten.
Okay. Mit KI meinte ich vorhin auch so was wie Ausreißererkennung, das, was es ja bei Kreditkartenunternehmen teilweise schon gibt, dass die eine KI losschicken und dann merken, okay, hier ist eine ganz ungewöhnliche Buchung passiert, dass es in die Richtung geht. Aber wie ich es richtig verstanden habe, sind das tatsächlich Regeln.
Genau, also wenn du das unter KI verstehst, das findet auf jeden Fall statt, das muss schon mal stattfinden, schon allein im Sinne von Betrugserkennung. Im Pflegebereich hat das ja sehr viel. Es gibt aber auch vielleicht Sachen, die vielleicht aus Versehen passieren, in der Doppelabrechnung, dass ein Leistungserbringer zweimal die gleiche Rechnung zu uns schickt oder zu den Krankenkassen. So was wird natürlich sofort erkannt, das wird direkt automatisch auch abgesetzt, teilweise funktionieren schon solche Sachen, das ist schön. Und wir machen das auch für die Krankenkassen, reporten natürlich auch die Ausgaben in dem Bereich, das heißt, jede Krankenkasse kriegt eigentlich am Ende des Monats oder Quartals eine Auswertung: Wie sind denn meine Leistungsausgaben? Beispielsweise kann man dann erkennen, okay, jetzt sind hier in einem bestimmten Bundesgebiet die Ausgaben für — ich sage jetzt mal an dem Beispiel — Rollstühle von einer gewissen Marke extrem in die Höhe gestiegen. Dann kann man natürlich schon mal gucken, was da passiert, ist das ein Skigebiet, wo das natürlich öfter passiert, jedes Jahr. Diese Analytik, die gibt es natürlich auch, diese Warnstufen an der Stelle, die gibt es natürlich schon.
Okay, wie geht es dann weiter, nachdem die Rechnung quasi akzeptiert wurde?
Genau, der Kostenvoranschlag wurde akzeptiert. Der Kostenvoranschlag — hier ist ein Kostenvoranschlag. Da sehen wir die Abkürzung eKV. Irgendwas mit E hat immer irgendwas mit dem Gesundheitswesen zu tun, und danach kommen die verschiedenen elektronischen Sachen dahinter, also E, eKV, und hier in dem Beispiel eKV. Genau, die Lieferbescheinigung geht, wie gesagt, dann auch papierhaft an die Krankenkasse. Also der Patient hat jetzt seinen Rollstuhl bekommen, er unterschreibt die Lieferbescheinigung, das natürlich papierhaft, er bekommt dann praktisch die Lieferbescheinigung als Kopie ausgehändigt. Und diese Lieferbescheinigung schickt dann das Sanitätshaus an die Krankenkasse, plus die Rechnung, plus die Verordnung, und das in Papierform.
Jetzt sind wir also schon bei diesem Wechsel zwischen den Instanzen, und dort geht natürlich dann nochmal die Prüfung los. Dann wird von unserer Seite aus jetzt oder von den Prüfabteilungen in den Krankenkassen geprüft: Gibt es oder gab es eine Genehmigung dafür, gibt es eine Indikation dafür, ist die richtig — bin ich mir gerade gar nicht so sicher —, hat das dann das Sanitätshaus auch nach Vertrag abgerechnet? Es ist ja so, dass die Krankenkassen mit bestimmten Leistungserbringergruppen sogenannte Rahmenverträge schließen. Das heißt, im Hilfsmittelbereich, im Orthopädietechnikbereich gibt es also solche Rahmenverträge, wo dann drin steht, was eine Dienstleistung kosten darf oder — was ein bestimmtes Beispiel ist — was eine Gehhilfe oder ein Rollstuhl kosten darf, in verschiedenen Kategorien, und daran müssen sich dann die Leistungserbringer halten, die diesem Vertrag beigetreten sind. Und da wird natürlich geprüft, okay, steht das im Vertrag so drin, steht da auch drin, dass die Liefergebühr am Sonntag übernommen wird, oder steht da auch drin, dass der Rollstuhl maximal 300 Euro kosten darf — und dann wird geschaut, ist das zur Rechnung auch plausibel und passt das mit den hinterlegten Verträgen für diesen einzelnen Leistungserbringer, oder gibt es eine Doppelabrechnung und so weiter.
Hier ist es so bei der Übermittlung: Es gibt neben der Papierabrechnung zuletzt sich noch das Datenträgeraustauschverfahren. Das Ding klingt so eloquent, ist aber letztendlich einfach nur eine Übertragung von Daten. Früher wurde es über Disketten gemacht, später CDs, und jetzt ist es im Endeffekt ein Austausch über diverse Schnittstellen. Und dann wird geschaut, okay, ist der Datenträgeraustausch, diese Daten, die elektronisch übermittelt wurden, identisch mit dem, was auf der Rechnung steht, also stimmt das Datum, ist das Kennzeichen richtig. Und danach, wenn dann alle Prüfungen abgeschlossen sind, wenn wir also sagen — oder die Krankenkasse sagt — das ist korrekt, wir müssen nichts absetzen (auf die ich gleich noch mal ein bisschen eingehe), dann wird das sozusagen an den Leistungserbringer ausbezahlt. Dafür gibt es auch Fristen, meistens sind das zwei oder vier Wochen, und in Einhaltung dieser Fristen wird dann die Zahlung getätigt.
Wird die Zahlung von euch getätigt, oder geht das wieder zurück an die Krankenkasse und die machen das selbst?
Genau, also es ist auch unterschiedlich. Grundsätzlich machen wir das natürlich auch für die großen Krankenkassen, wir haben also wie so eine Art Treuhandbuchhaltung, die sozusagen im Auftrag der gesetzlichen Krankenkasse das dann direkt an den Leistungserbringer überweist. Also wie gesagt, viele der Leistungserbringer kennen uns deswegen, weil sie an uns die Briefe schicken müssen, weil dort immer steht Techniker-Krankenkasse und dann darunter vasa. Da schicken die praktisch die Rechnung hin und bekommen natürlich auch die entsprechende Zahlung dann auch.
Was ich gerade schon angesprochen hatte: Das war der Durchlauf, wenn alles glatt läuft. Es gibt natürlich auch Dinge, wo wir oder wo die Krankenkasse eine Rechnung absetzen muss, also komplett absetzen oder nur einen Teilbetrag, nämlich wenn beispielsweise der Vertragspreis nicht eingehalten worden ist. Also nehmen wir das Beispiel mal mit Rollstühlen — das ist immer so mein Lieblingsbeispiel, weil das hier intern so ein Running Gag ist mittlerweile: Da gibt es zwei verschiedene Arten, beispielsweise ein Rollstuhl über 130 kg darf nur 148 Euro kosten, und wenn jetzt das Sanitätshaus beispielsweise für diesen Bereich einen Rollstuhl abrechnet, der 175 Euro kostet, wird diese Differenz abgesetzt und nicht bezahlt. Da bekommt man dann einen Absetzungsgrund von uns genannt, wir haben da so ein Portal, wo das abgebildet wird, und da steht dann drin: aufgrund der Vertragspreise wird der Betrag gemindert und dementsprechend auch nur in der Art und Weise ausgezahlt. Also das ist natürlich die Prüfung, die dann natürlich der Leistungserbringer zu spüren bekommt und dementsprechend auch dann auf seinem Konto sieht.
Okay, jetzt sind wir ja quasi einmal durch. Also wir haben die Rechnung eingereicht bzw. sogar noch früher angefangen, das Rezept ausgestellt, und über Kostenvoranschlag, Prüfung, Genehmigung, Zahlung … Was von diesen ganzen Sachen kann man jetzt optimieren, wo gibt es denn Digitalisierungsmöglichkeiten und wo sind denn vielleicht schon die Prozesse digitalisiert?
Genau, also im Endeffekt ist es ja so, dass es erst mal darum geht, dieses Rezept, das als papierhafter Beleg kommt, oder die Verordnung an der Stelle zu digitalisieren. Derzeit ist es ja so, die rechnungsbegründende Unterlage ist immer noch papierhaft, also das Rezept. Das heißt, dort liegt eigentlich schon der große Schlüssel, weil das ist der große manuelle Prozess, der dahinterliegt. Man muss sich vorstellen, hier kommen ja, oder auch bei den Krankenkassen, kommen jetzt endlich Rechnungen an, die teilweise im Schuhkarton kommen, oder bei den Abrechnungszentren kommen die im Schuhkarton an, in diversen Formaten. Also es gibt natürlich auch kleinere Sendungen, die natürlich etwas kleiner sind, aber wir haben ja auch schon A3-Belege bekommen und viele, viele Ordner, oder es gibt auch Rechnungen, die gehen über teilweise zwei-, dreihundert Seiten, weil dann natürlich vorne die ganzen Positionen kommen. Und das ist natürlich ein Prozess, der sehr stark manuell geprägt ist, weil der gesamte Prozess — eine OCR und so weiter — das gar nicht so richtig vorsieht, das digital anzunehmen und zu verarbeiten. Wir machen das natürlich, und die Krankenkassen machen das auch, aber dieser ganze Papierprozess, der ja beim Arzt losgeht …
Also der Arzt müsste jetzt endlich sozusagen schon diese Verordnung digital ausstellen und dem Patienten zur Verfügung stellen, damit er das dann weiterträgt zu den anschließenden Leistungserbringern, die ihn dann benötigen. Das ist ein Prozess, der wird mit einem E-Rezept oder mit einer E-Verordnung dann Stück für Stück abgelöst an der Stelle, und da ist, glaube ich, das größte Potenzial. Weil derzeit, wie gesagt, ist das ein papierhafter Prozess, der auch gar nicht anders möglich und vorgesehen ist. Wenn man dran denken muss, dass jede einzelne Rechnung, jeder einzelne Kostenvoranschlag, wie du vorhin gesagt hast, ja eingescannt werden muss, und wenn die getackert, geheftet sind, dann muss man die auseinandernehmen. Also das sind schon Aufwände, die man sich dadurch natürlich sparen könnte, und dann natürlich das manuelle Überprüfen und das Einsortieren in die richtigen Felder, dass die Informationen auch dort stehen, wo man sie braucht.
Okay, und du hattest ja beim letzten Interview schon gesagt, dass das große Problem die vielen verschiedenen Leistungserbringer sind. Wie realistisch wäre es denn zu sagen, alle, die in dem Bereich jetzt da mal Geld verdienen wollen, müssen sich an einen gewissen Standard halten und müssen über Austauschformate ihre Daten übertragen — ist das denn realistisch, oder reden wir da von Übergangszeiten von 20, 30 Jahren?
Ja, also aus meiner Sicht ist das natürlich grundsätzlich … Wir haben alle Möglichkeiten schon relativ gut vorhanden. Das große Problem ist überhaupt diese grundsätzliche Durchsetzbarkeit der Digitalisierung. Also wir haben es schon seit 1995, glaube ich, technische Anlagen, die genau beschreiben, wie so ein Datenträger oder eine Datenübermittlung erfolgen kann. Dann haben wir aber auf der anderen Seite eine große Landschaft an unterschiedlichen Leistungserbringern, die erst mal nicht wirklich organisiert sind. Also ich gehe jetzt mal ein bisschen tiefer rein: Wenn man die Unterschiede hat zwischen jetzt einem Apotheker, der also grundsätzlich über ein Abrechnungszentrum organisiert ist oder über den Apothekerverband, und jetzt sage ich mal einer Hebamme oder einem Physiotherapeuten, wo man nicht mal weiß, wer denn überhaupt zertifizierter Physiotherapeut oder eine Hebamme ist. Also diese Konstellation an Schnittstellen ist das schon mal total schwierig. Und dann muss man auch banal sagen, solange es keinen finanziellen Anreiz dafür gibt oder organisatorischen Anreiz, lässt sich natürlich so ein Arzt und auch ein Leistungserbringer wenig dazu bewegen, dass der jetzt auf einmal seine Arbeit, die er schon seit Jahren vielleicht für sich professionalisiert hat, auf einmal umstellt und alles digital machen muss. Weil dem ja ein Stück weit auch finanzielle Aufwände bei den Leistungserbringern gegenüberstehen. Wenn man, wie gesagt, eine Hebamme nimmt, die muss sich dann so ein Verwaltungssystem beschaffen, die muss sich da auch ein Stück weit einarbeiten, wie das funktioniert, wie man die Abrechnung macht. Und das ist, glaube ich, der große und schwierige Punkt, alle zusammenzubekommen, die diesen Digitalisierungsprozess abbilden.
Wir haben hier mal so eine — bei uns heißt unsere Vision, sage ich mal ganz klassisch, Versorgungsprozess 4.0. Wir haben also nachgebaut, wie das zum Beispiel für einen Fahrkostenbereich komplett digital sein kann. Vielleicht kriege ich das hin und kann euch diesen kleinen Kurzfilm, den wir damals mit einer Krankenkasse entwickelt haben, mal zur Verfügung stellen. Und dort kann man sich das anschauen.
Genau, richtig. Aber vielleicht … die ganze Thematik. Und da geht es jetzt endlich bei uns darum, jeden einzelnen Prozessschritt digital abzubilden. Und wenn du aber nicht jeden, der dort involviert ist, dazu bewegst, das zu tun … Also wenn man davon ausgeht, man müsste praktisch vom Arzt über eine App die Verordnung bekommen, dass man dann ins Taxi steigen kann, der Taxifahrer müsste diese Verordnung annehmen können mit seinem System, müsste dann aus diesem System heraus eine Abrechnung an die Krankenkasse schicken, die Krankenkasse muss das in dem Format dann annehmen — dann sind das schon mal jetzt in diesem kurzen Bereich drei unterschiedliche Player, die irgendwo zusammengebracht werden müssen. Und ich glaube, diese Thematik ist das Schwierigste an diesem ganzen Digitalisierungsprozess. Ich sag mal, so rein technisch wäre das letztendlich überhaupt kein Problem, weil das auch schon viele Modellprojekte gezeigt haben, wie das funktionieren könnte, aber die Bandbreite an Playern, an Krankenkassen, an Leistungserbringern ist einfach so hoch, dass das total schwierig ist, ohne eine gesetzliche Verpflichtung das da auch zu bündeln.
Okay, du hattest vorhin gesagt, da gibt es jetzt schon Schnittstellen und die sind auch etabliert und so weiter — reden wir da von internationalen Schnittstellen? Weil wenn wir jetzt einen Anbieter haben, der sagt, okay, er will jetzt hier in den Markt einsteigen, überlegt man natürlich auch immer, ist das jetzt was, was ich nur in Deutschland verkaufen kann, oder kann ich das zum Beispiel in der gesamten Europäischen Union verkaufen oder vielleicht sogar weltweit?
Genau, also dazu muss man sagen, was ich vorhin meinte, das sind im Endeffekt technische Anlagen — dafür gibt es so eine schöne Seite vom GKV-Spitzenverband zum GKV-Datenaustausch. Dort kann man sehr schön auch mal sehen, was es für Grundlagen für die technische Umsetzung gibt. Also es gibt dort in dieser technischen Anlage Beschreibungen, wie der Datenträgeraustausch erfolgen soll, da geht es aber grundsätzlich eher so um Sachen wie: Wie wird das bezeichnet, welche Formate dafür geeignet sind. Ansonsten, Schnittstellen gibt es leider natürlich in verschiedenen Arten und Weisen, aber man hat sich natürlich — das ist ja die Schwierigkeit an dem deutschen Gesundheitssystem — noch nicht so wirklich festgelegt, was man nutzen will. Also man hat sich festgelegt, klar, die Telematikinfrastruktur zu nutzen, aber da ist man leider noch nicht so weit, dass man dort auch alles so ausspezifiziert hat, dass das jeder nutzen kann.
Okay, dann haben wir ja noch ein bisschen was vor uns. Das ist doch schön, dass noch nicht Schluss ist, wenn wir erst mal die Telematikinfrastruktur eingeführt haben. Gibt es noch irgendwelche Themen, die wir noch außen vor gelassen haben, die noch wichtig sind, um den Gesamtprozess zu verstehen?
Ja, du hattest vorhin noch gefragt, wie lange eine Einführung auch dauern würde. Wir haben jetzt das DVG, was auch klar sagt, wann das E-Rezept kommen soll, wann — noch nicht, wann, aber — zumindest eine E-Verordnung kommen soll, dass auch die digitalen Gesundheitsanwendungen abgerechnet werden sollen. Aus meiner Sicht ist das noch nicht genau genug spezifiziert. Wenn man davon ausgeht — ich habe das Beispiel, ich glaube, die Einführung des E-Rezepts hat sieben Jahre gedauert, bis man bei 75 % Abdeckung war —, ist das ein Prozess, der wirklich noch eine ganze Zeit dauern würde, bis das E-Rezept auch wirklich flächendeckend eingesetzt wird. Wie gesagt, ich habe vorher bei einem anderen Dienstleister gearbeitet, wo wir mit Ärzten kommuniziert haben, und es gibt wirklich echt noch Ärzte, die haben nicht mal einen Rechner bei sich in der Praxis stehen, die haben weder einen Anschluss an das Internet noch so weiter. Das wird es natürlich in den nächsten 10 Jahren auf jeden Fall noch geben, sodass man natürlich immer irgendwie eine Mischform hat aus digitaler Bereitstellung und analoger, im Sinne von dem Papier. Diese Parallelprozesse zu meistern wird, glaube ich, die große Herausforderung, weil man sich eben nicht nur auf einen Prozess konzentrieren kann. Bei der E-Verordnung ist das im Endeffekt noch ein bisschen schwieriger, weil beim E-Rezept hat man im Endeffekt die Abdeckung als Gegenspieler. Bei der E-Verordnung ist die Bandbreite an Leistungserbringern noch wesentlich größer, wie gesagt, das ist schon angedeutet, sodass die Implementierung in dem Bereich noch mal viel schwieriger und diffiziler wird.
Okay, super. Ja, dann haben wir jetzt, glaube ich, einen tiefen und guten Einblick gegeben in die Arbeit hinter der eigentlichen medizinischen Arbeit, und die ist natürlich auch sehr wichtig, denn das Ganze funktioniert natürlich nur, wenn alle Leute bezahlt werden. Gut, dann bedanke ich mich und hoffe, dass es vielleicht auch Feedback gibt. Vielleicht gibt es ja Ideen, und vielleicht kriegt ihr ja auch ein paar Ideen noch mal zurück von Leistungserbringern, von Start-ups, die sich in dem Bereich engagieren. Also, würde mich total freuen. Ich bin absoluter Freund von Dialog in dem Bereich. Wie gesagt, suche auch immer sogenannte Sparringspartner. Wir haben hier in Leipzig total schöne Räumlichkeiten. Kommt uns gerne besuchen oder nehmt mit mir Kontakt auf. Das würde mich sehr freuen.
Dem Aufruf schließe ich mich gerne an, und ich sage Danke und tschüss.
