In dieser Folge widmen wir uns dem ICD 11. Christian und Bernhard sprechen über die Relevanz der ICD, nennen Gründe für das Update und versuchen sowohl den Aufbau der ICD-11 als auch den Aufbau einzelner Codes ohne visuelles Begleitmaterial vorzustellen.
Hört mal rein, in wie weit das gelungen ist. Am Ende gibt es noch den obligatorischen Ausblick. Für die aufmerksamen Hörer:innen: Wir haben uns für die Jingles dieser Folge mal selbst an Schlager und Rap versucht 🙂
Podcast: Play in new window
Transkription
Hallo und herzlich willkommen zu einer weiteren Ausgabe des eHealth-Podcasts. Und wir widmen uns mal wieder einem Thema aus unserem Lieblingsbereich Interoperabilität, und zwar wollen wir uns heute in der Folge mal den ICD-11 anschauen. Das habe ich mich gerade schon fast versprochen, die ICD-11, denn es ist eine Klassifikation. Und das mache ich zusammen mit Christian. Hi.
Hi, ich werde weiter der ICD-11 sagen, aber ich höre auch immer wieder der ICD-10 gesagt oder der ICD-Code. Vielleicht wirst du mich da noch umstimmen, aber schauen wir mal, die Klassifikation oder der Code, man kann es ja eigentlich beides sagen. Ich sag mal kurz, wie wir es geplant haben, die Agenda: Wir werden mal ganz kurz was sagen zur Relevanz, warum ist das überhaupt wichtig, darüber zu sprechen. Werden paar Gründe für das Update, wir haben gerade schon gehört, ICD-11 folgt auf ICD-10, warum war das überhaupt notwendig. Gehen auf den aktuellen Stand ein: Wann ist es denn endlich so weit in Deutschland, wann wird das genutzt, und wie stehen wir gerade da, vielleicht zum Gesamtprojekt, und dann den abschließenden Teil, wie ist eigentlich der ICD-Code aufgebaut, also ein einzelner Code, wie sieht der aus im Vergleich zu ICD-10, und am Ende wie üblich ein kleiner Ausblick.
Christian, magst du mal starten mit dem Thema Relevanz, warum brauchen wir ICD-10 und dann auch vielleicht irgendwann ICD-11?
Genau. Also, das mit Code und Code spar ich mir jetzt, und einfach für die Gleichbehandlung sag ich jetzt auch einmal „das“: ICD-10 ist das, was derzeit, zumindest in Deutschland, Österreich und mindestens auch der Schweiz, Relevanz hat, in unterschiedlichen Ausprägungen. Und ausgeschrieben ist ICD die International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems, und auf Deutsch internationale statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme. Das gibt es generell in einer internationalen Variante, die wird von der WHO, also der Weltgesundheitsorganisation, herausgegeben. Und da gibt es immer noch eine German Modification, wo also deutschlandspezifische Parameter noch ergänzt und angepasst werden. Das wird seit einiger Zeit in Deutschland vom BfArM herausgegeben, also dem Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte.
ICD-10 ist eine ganz klassische, hierarchische Klassifikation. Ein Beispiel dafür: ICD-10 beginnt immer mit einem Buchstaben, dann kommen, glaube ich, fast immer zwei Zahlen, dann kommt ein Punkt, und dann kommt nochmal ein bis zwei Zahlen normalerweise. Natürlich gibt es da noch Sonderfälle wie die Kreuz-Stern-Systematik, aber da gehe ich jetzt nicht drauf ein. Also ein Beispiel wäre I10.0, das ist die benigne essenzielle Hypertonie ohne Angabe einer hypertensiven Krise. Genau, und ICD-10 wird also in Deutschland schon relativ lange genutzt, und wie bei Klassifikationen ist, weiß man auch schon, dass man sich so durchhangelt durch irgendwelche Klassen von oben nach unten. Mal vielleicht auch ein kleines Beispiel: Wenn man also zum Beispiel eine depressive Störung kodieren möchte, dann könnte man starten im Kapitel F. Da wissen wir, das sind also psychische Störungen, und da gucken wir dann bei F3, F3 sind dann affektive Störungen, hangeln uns weiter runter zu F32, depressive Störung, bis dann vielleicht runter zu F32.11, eine depressive Störung, mittelgradig, mit somatischen Symptomen.
Genau. In Deutschland wird die ICD für unterschiedliche Sachen genutzt, wahrscheinlich deswegen wird die auch so intensiv genutzt, weil es natürlich für die Abrechnung relevant ist, sowohl im stationären wie auch im ambulanten Bereich. ICD wird aber auch genutzt für die Todesursachenstatistik. Das ist vielleicht ganz interessant, dass wir da in Deutschland nicht die German Modification nehmen, sondern da die klassische WHO-Variante, aus Grund der internationalen Vergleichbarkeit.
Genau, das wollen wir ja sonst nicht haben, das wollen wir ja nur bei Todesursachen haben, zwinker, zwinker.
Genau, also das ist ICD, ist jetzt auch schon ein bisschen älter, das ganze Ding, aber wird überall eingesetzt, also jede Ärztin, jeder Arzt, fast alle Leute, die im Gesundheitswesen arbeiten, kennen das Ding. Und wie schon gesagt, das Ding gibt es in Deutschland schon seit über 30 Jahren, also die ICD-10-Version, und warum macht man jetzt ein Update? Das hat jetzt weniger mit den 30 Jahren genau zu tun, sondern eher damit, dass es einfach in den letzten Jahren natürlich ein Update an medizinischem Wissen gab, neue Krankheiten, neue Erkrankungen, Diagnosen, die aufgenommen werden müssen. Da könnte man noch sagen, okay, man macht einfach ein paar weitere Codes in die ICD-10 rein, das macht man ja auch, genau, aber es ging eben auch darum, wirklich neue Zusammenhänge von Erkrankungen abzubilden, das, was bisher in der ICD-10 nur etwas, über die Kreuz-Stern-Klassifikation, so ein bisschen möglich war.
Das wollte man präzisieren, also auch genauer kodieren, Komorbiditäten, andere Faktoren, die die Gesundheit beeinflussen können, stärker mit berücksichtigen, und wie wir gerade auch schon gesagt haben, das gesamte Ding inhaltlich internationaler harmonisieren. Also, wenn man einen Vergleich macht mit Amerika: Dort gibt es auch ICD im Einsatz, auch ICD-10, und die amerikanische ICD-Version hat beispielsweise deutlich mehr Codes, also die gehen so eher Richtung 40.000, während bei uns eher so 14.000 Codes vorhanden sind. Wir haben da Unterschiede, obwohl es eine von der WHO herausgegebene Klassifikation zur internationalen Vergleichbarkeit ist, in den unterschiedlichen Ländern.
Jetzt erwähne ich aber kurz Kreuz-Stern, hab ich es zweimal gesagt, das ist sozusagen auch schon im alten ICD-10 eine Variante, wie man sozusagen Folgezustände erklären konnte, dass beispielsweise, was immer überall vorkommt, ist die diabetische Retinopathie. Erschreckst du, du weißt es schon. Also man hat eine Diabetes, und wenn die nicht gut eingestellt ist, dann kann es eben zur diabetischen Retinopathie führen, genau so weiter.
International harmonisieren ist also das Stichwort. Und was wir natürlich auch wollen und im Zusammenhang mit SNOMED auch an verschiedenen Stellen sehen, genau diese Begriffszusammenhänge, das, was wir in der ICD-10 nahezu gar nicht hatten, bis auf die angesprochene Kreuz-Stern-Klassifikation. Das soll eben stärker Berücksichtigung finden. Das heißt, wir haben auf der einen Seite inhaltliche Gründe, wir müssen ein inhaltliches Update machen, das hätte man unter Umständen auch eben mit der alten Version machen können, aber eben auch eine technologische Umstellung, verbesserte Details, Beziehung untereinander. Und damit ist eigentlich auch klar, so wie es bei SNOMED CT ein Stück weit auch ist: Das kann ich dann auch nur noch elektronisch unterstützen. Das heißt, die ICD-11 wird es eben nicht als Buch geben, was ich dann in meiner Arztpraxis ins Regal stelle, sondern das wird es dann nur noch in einer elektronischen Form geben, und ich habe damit eben die Möglichkeit, präziser, differenzierter zu kodieren, und auch andere Terminologiesysteme wie eben das angesprochene SNOMED mit einzubinden. Auch da gibt es eben Möglichkeiten, das technologisch zu verknüpfen, genau diese medizinischen Sachverhalte eben genauer zu beschreiben. Das war ja auch ein Anliegen von vielen Ärztinnen und Ärzten, die haben gesagt, ja, die ICD-10 nutze ich wegen der Abrechnung, aber eigentlich muss ich das nochmal freitextlich aufschreiben, weil das medizinisch eben nicht so wahnsinnig genau ist.
Lass mich mal ein Beispiel geben, dass die Hörer jetzt schon eine Idee haben. Und zwar habe ich einfach mal in so einem ICD-11-Browser mich durchgeklickt und bin dann irgendwann gelandet bei Kapitel 12, Diseases of the Respiratory System. Da hört man auch schon, dass es richtig gut klingt auf Englisch, also Atemwegserkrankungen. Wenn ich mich da weiter durchgehangelt habe, habe ich die Pneumonie gefunden, Code CA40, und da stand, das ist eine virale Pneumonie aufgrund des Adenovirus, dann sind wir schon bei CA40.10. Und was man dann machen kann: Das Fenster ist zweigeteilt in zwei Bereiche, links konnte ich dann die Diagnose raussuchen, wie gerade gesagt habe, und rechts kann man die dann erweitern um zusätzliche Informationen. Ich kann da zum Beispiel sagen, was ist der Grund dafür oder die Ursache, die Kausalität, und kann dort dann sagen, das ist eine nosokomiale Infektion, und ich kann sagen, die Seitigkeit, das ist also auf der linken Seite, und ich kann sagen, das ist im unteren Bereich der Lunge. Ich kann also die Diagnose, die für sich schon recht präzise ist, habe ich gesagt, noch weiter spezifizieren im ICD-11, und das wäre in ICD-10 nicht möglich gewesen.
Bernhard, jetzt gibt’s ICD-11 ja schon eine Weile, magst du mal ganz kurz einen Abriss machen, wo wir gerade stehen, was da bisher gelaufen ist, und wie es dann weitergeht?
ICD-11 ist in Kraft getreten, offiziell nach WHO-Richtlinien, am 1. Januar 2022, also jetzt ist es schon über zwei Jahre offiziell am Start und grundsätzlich einsetzbar. Jetzt sind wir wieder hier in der Situation in Deutschland, aus lizenzrechtlichen Gründen, so steht es auf der Seite vom BfArM, ist es in Deutschland eben noch nicht einsetzbar. Da heißt es ein bisschen zurückhaltend zum konkreten Zeitpunkt, sind auch keine Aussagen möglich, was ein bisschen daran liegt, dass neben den lizenzrechtlichen Aspekten auch noch viel an den Übersetzungen gearbeitet wird, was relativ schnell klar ist, wenn das einfach ein Riesenprojekt ist.
Ja, grob gesagt, von 14.000 geht’s hoch auf 55.000 Codes, da sind wahnsinnig viel Personen in unterschiedlichen Ländern aus sich Institutionen beteiligt, und das Ganze wird natürlich mit Feldversuchen gekoppelt, es muss natürlich in der Praxis umsetzbar sein, dass, wenn wir da was Differenzierteres machen, dann muss das auch so sein, dass es die Praxis nutzen kann. Also mit Feldversuchen, vielen Codes, riesiges Projekt, es dauert an, und deswegen hat die WHO auch gesagt, okay, es gibt eine Übergangsfrist von 5 Jahren, das heißt bis 2027 darf man auch noch in der alten Version kodieren, in ICD-10, es geht also nicht so wahnsinnig schnell voran. Und vor allen Dingen, selbst wenn die WHO das dann irgendwann freigibt, etc., wird das in Deutschland ja aus sich heraus auch glaub ich niemand nutzen, solange nicht gesagt wird, ihr müsst das für die Abrechnung nutzen, erst dann wird es ja für die Krankenhäuser, für Ärztinnen, Ärzte und auch für die Softwarehersteller relevant.
Erklär mal, was da alles wie kombiniert werden kann und was es dann für Vorteile bringt.
Erst mal die Struktur: Wie ICD-10 ist auch ICD-11 eben auch in verschiedene Abschnitte, eben Kapitel, unterteilt. Da gibt es jetzt ein inhaltliches Update, bzw. auch ein bisschen einen Strich gezogen bei ein paar inhaltlichen Themen, das heißt, wir kommen insgesamt auf 28 statt auf 22 Kapitel, die es in ICD-10 gab. Unterhalb dieser Kapitel gibt es wieder diese Gruppen, allerdings werden diese Gruppen jetzt nicht mehr, wie gerade angesprochen, mit direkt einem Code versehen, mit einem Gruppencode, sondern die werden unterhalb der Kapitel einfach alphanumerisch durchnummeriert, von A00 bis, was weiß ich, Z99.
Was neu eingeführt wurde oder erweitert wurde, aus der ICD-10, sind die sogenannten Restklassen, das heißt, es gibt diesmal zwei.
Oh, die Restrampe.
Genau, und jetzt, da gibt es sogar zweimal Restrampe, nämlich einmal die sonstigen, nicht näher bezeichneten Codes, das sind die Codes mit Z, und die sonstigen, die dann aber näher bezeichnet werden, die bekommen das Y angehängt.
Ja, das ist cool.
Und es gibt, im Gegensatz zur ICD-10, ein sogenanntes Multi-Parenting, also ein einzelner Knoten kann jetzt irgendwie mehreren Elternknoten zugeordnet werden. Wir hatten immer bei der ICD in unserer Vorlesung schon erzählt, dass es eine hierarchische Klassifikation ist, aber die hatte eben eine einfache, eine Monohierarchie. Basiert eben, jeder Kindknoten hatte nur einen Elternknoten. Das wurde jetzt ein bisschen aufgelöst, wir haben dieses sogenannte Multi-Parenting, und es ist eben möglich, so wie das bei SNOMED natürlich in deutlich extensiverer Form schon bekannt ist, Beziehungen zwischen verschiedenen Konzepten auch maschinenlesbar zu beschreiben.
Vielleicht ein Beispiel, ich weiß es gar nicht, ob das so hundertprozentig stimmt, aber nur eine Idee: Ich habe ja vorhin diese Pneumonie genannt, die CA40. Gefunden habe ich die unter Kapitel 12, also die Diseases of the Respiratory System. Jetzt könnte es theoretisch sein, dass man diese Pneumonie auch woanders sucht, nämlich, keine Ahnung, unter viralem Infekt oder irgendwie so was. Und das ist dann vielleicht nicht Kapitel 12, sondern keine Ahnung, irgendwas anderes, Kapitel 7, und darunter könnte dann die CA40 auch stehen, also dass eine Diagnose eben unter unterschiedlichen Kapiteln zu finden ist, also quasi so eine m-zu-n-Beziehung.
Genau, was zusätzlich neu hinzugekommen ist, haben wir es ja schon ein paar Mal so leicht erwähnt, ist ein ganz eigenes Kapitel für Extension-Codes, das heißt, wir haben jetzt die Möglichkeit, postkoordiniert, also einfach hinten was dranzuhängen, an bestimmte Codes weitere Dinge konkreter zu machen, zu spezifizieren, mehr ins Detail zu gehen. Und das gibt es eben als eigenes Kapitel X, und da gibt es eben so Dinge wie eine Severity Scale, also den Schweregrad einer Erkrankung, den ich da spezifizieren kann, einen Bereich Temporality, wo ich zeitliche Angaben machen kann, einen Bereich Etiology, also wo ich Dinge zur Ursache konkreter spezifizieren kann.
Und das Ganze geht dann auch so weiter, dass ich Elemente drin habe, ob die Diagnose präoperativ, intraoperativ oder postoperativ aufgetreten ist, oder ob das eine Diagnose war, die schon bei der Aufnahme in das Krankenhaus vorhanden war.
Beim ICD-10 war das ja alphanumerisch, wir starten mit einem Buchstaben, haben dann zwei Ziffern, Punkt und weitere Ziffern zur Spezifikation, die ICD-11-Codes sind weiter gefasst, vier bis sechs Stellen.
Und die erste Stelle, die gibt jetzt das Kapitel an. Da wir aber 28 Kapitel haben, haben wir an dieser Stelle keine reinen Buchstaben, sondern Buchstaben und Zahlen kombiniert. Das heißt, wir haben insgesamt die ersten neun Kapitel, die haben dann die numerischen Codes, also 1, 2, 3, 4, 5, und ab dem 10. geht es mit ABC weiter.
Das heißt, bei deinem Beispiel war es ja gerade, da war die CA40 genannt, das C ist also das zwölfte Kapitel. Im zwölften Kapitel steckt dann dieser Code drin, und dann A40, das ist dann die Gruppe. Das heißt, hinter diesem Kapitel gibt es einen alphanumerischen Code, der von A00 einfach hochläuft, damit man in der menschenlesbaren Form die Zahlen in einem alphanumerischen Code nicht mit den Buchstaben verwechselt, wurden die Buchstaben I und O, um eben 0 und 1 nicht zu verwechseln, ausgespart, die sind nicht vorhanden, und Y und Z, das waren eben die Codes für die Restklassen, nicht näher bezeichnet oder näher bezeichnet.
Aber cool, da hat man sich wirklich was gedacht, das ist ein bisschen wie so Hexadezimal-Codierung, also, das heißt, 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9, A, B, C, D, E, F oder so was?
Genau, so machen wir uns mal ganz konkret und gehen mal rund auf einzelne Codes, schauen wir uns mal, dass benigne Prostatakarzinom an: In der ICD-10 war das C61, C für das Kapitel der bösartigen Neubildungen, dann das Kapitel bösartige Neubildung der Prostata, und da waren wir fertig. In der ICD-11 ist der Code 2C82, und dann eben .00, .0Y, oder .0Z. Die 2 ist das zweite Kapitel, da stehen jetzt die Neubildungen drin, dann C82, das läuft einfach vorlaufend, wie ich ja gesagt hatte, von A00 bis Z99 hoch. Da haben wir also dann unter C82 das Adenokarzinom der Prostata, das gibt es dann eben in der Ausprägung .00, oder .0Y, näher bezeichnet, oder .0Z, nicht näher bezeichnet.
Bis hierhin ist es jetzt noch eine neue Struktur, aber ansonsten ist der Informationsgehalt ähnlich. Genau, und jetzt könnte ich vielleicht noch einen Grad, einen Tumorgrad hinzufügen, das würde ich dann über die Extension-Codes machen, das heißt, ich könnte jetzt mit einem X und einer entsprechenden, wieder fortlaufenden Nummer einen Severity-Code hinten dranhängen, der den Schweregrad angibt. Hat sich ja vorhin bei der Lunge, da hatten wir die Lateralität, links gesagt, und so eine anatomische Spezifikation, und dann könnte es bei der Prostata vielleicht auch geben, da gibt es ja nicht links, rechts, beidseits, was bei der Prostata sinnfrei ist, sondern auch, um zu wissen, erster, zweiter, dritter, vierter Quadrant, oder irgendwie so.
Ist denn in der ICD-11 auch festgelegt, welche von diesen Spezifizierungen für welche Diagnose überhaupt möglich sind? Also kann man irgendwo nachgucken, dass so etwas wie linke oder rechte Prostata bei einem Prostatakarzinom bei dieser Diagnose nicht sinnvoll ist? Also gibt es irgendwie sozusagen eine Festlegung, welche Extensions für welche Diagnosen überhaupt möglich sind?
Hab ich im deutschen Regelwerk oder in dem, was bisher zur Verfügung steht, nicht gefunden. Das soll ja letztens über eine Online-Kodierung erfolgen, ob das teilweise als Regeln in dem Online-Tool hinterlegt ist, kann ich nicht sagen, aber es scheint erst mal möglich, beliebig viele Extension-Codes dranzuhängen, das ist also ein bisschen auch dieses SNOMED-Prinzip, ich such mir die Sachen raus, das, was passt, das ist ja auch, glaub ich, schon mal gesagt, hängt man mit so einem „und“ an den eigentlichen Code dran.
Also ich habe dann irgendwie so ein NA07.20 und XY9R.
Und das wäre ja bescheuert, wenn es das nicht geben würde, dann müsste sozusagen jeder, der so ein Tool schreibt, von den Softwareherstellern sich selber hinsetzen und mit medizinisch Sachverständigen überlegen, welche Sachen überhaupt passen, also wo es zum Beispiel eine Seitigkeit, bei welchen Organen und welchen Diagnosen, gibt.
Ich vermute, dass das im Aufbau befindlich ist und dass es für die gängigen Sachen so was schon gibt, dass man aber jetzt nicht jegliche Kombination da schon abgebildet hat, und dass man das nach und nach ergänzt. Klassiker ist ja immer Schwangerschaft bei Männern, wo da jedes Softwaresystem kritisiert wird, warum geht das da. Aber bei meinem Online-Browsing ging das, da habe ich die Pneumonie ausgewählt, und der hat mir rechts nur Sachen angeboten, die tatsächlich passten, also keine anderen wirklichen Extensions wurden dazu vorgeschlagen. Also wahrscheinlich wird es schon so was wie ein Regelwerk geben.
Wahrscheinlich gibt es das auch, sehe ich ähnlich, aber da habe ich jetzt nichts finden können.
Genau, damit haben wir, glaube ich, so einen ganz kurzen Einblick in die verschiedenen Codes gegeben, können noch nach dem Einblick einen Ausblick wagen, wie es jetzt weitergeht.
Ja, nachdem da ja schon lange dran rumgedoktert wird, und wir sozusagen immer noch keine richtig perfekte deutsche Übersetzung haben dafür, ich glaube, es gibt nur so was wie automatisiert übersetzte Inhalte. Und es wirkt auch nicht so, als würde damit mit Hochdruck weitergearbeitet. Und es ist ja auch wurscht, was die WHO sozusagen dazu sagt, sondern in Deutschland wird es erst flächendeckend eingeführt, wenn auch festgelegt ist, dass das für die Abrechnung genutzt werden muss, bin ich da ziemlich entspannt.
Und wann das in Deutschland kommt, wie geht es mit der inhaltlichen Entwicklung weiter, Bernhard?
Die inhaltliche Entwicklung läuft, die WHO-Arbeitsgruppen laufen so weiter und sind aktiv, und werden noch weitere Dinge übersetzen. Ich glaube, diese Arbeit passiert unabhängig davon, aber ich sehe das ähnlich wie du: Bis das tatsächlich verpflichtend in Krankenhäusern genutzt wird, und dass da entsprechende gesetzte Regularien eingebracht werden, das wird sicherlich noch was dauern, und auch den Einführungszeitpunkt der WHO deutlich übersteigen. Also, da sehe ich uns 2027 noch nicht.
Ich auch nicht. Vielleicht noch zum Mapping: Was wahrscheinlich gehen wird, ICD-10 ohne großen Informationsverlust auf ICD-11 abzubilden, zurück natürlich nicht, weil dann die Zusatzinformation, diese ganzen Extensions, verloren gehen. Aber gibt es schon so was wie ICD-11 auf SNOMED CT und umgekehrt?
Da heißt es auf der BfArM-Seite, dass eben Kombinationen mit SNOMED möglich sind, aber dem auch Grenzen gesetzt sind. Das wird leider nicht so konkret ausspezifiziert. Ich vermute, dass es auch da letzten Endes auf eine Pflege von bestimmten Beziehungen und Regeln ankommt. Also, das ist technisch ohne Schwierigkeiten möglich, es ist eher eine Frage davon, wie viel Arbeit wird da reingesteckt, auch diese einzelnen Mappings tatsächlich dort einzupflegen in den Online-Browser oder in die entsprechenden Tools dahinter.
Das heißt zu sagen, eigentlich hätten wir noch eine Folge machen können, die drei Minuten geht.
Da hätten wir einfach gesagt: Also, ICD-11 sieht nicht so aus, als kommt der in Deutschland bald praktikabel, und die Struktur ist ganz anders.
Ja, ich kann jetzt neben Diagnosen, dazu zusätzlich noch weitere Informationen dranpacken, fertig, 30 Sekunden, Podcast-Folge vorbei.
Auf der anderen Seite ist es natürlich ein relevantes Update. Ich glaube, das macht die Überlegungen, die wir auch ein paar Sachen gesagt haben, machen ja schon Sinn, dass bestimmte Dinge genauer, spezifischer zu kodieren. Wir haben an verschiedenen Stellen eben mit der ICD einen gewissen Genauigkeitsverlust, deswegen hat eine Klassifikation eben auch andere Aufgaben als eine Nomenklatur. Das muss man natürlich auch berücksichtigen.
Aber dennoch gibt es sicherlich den Wunsch, da was Besseres zu machen, auf der anderen Seite hat es auch einen krassen Aufwand.
Genau. Also das heißt, da ändert sich jetzt extrem viel. ICD ist wahrscheinlich in extrem vielen Softwareprodukten implementiert, und das ist ja quasi ein komplettes Neuschreiben, dann so einer Logik. Was kein Hersteller macht, wenn es nicht irgendwie ein Gesetz gibt, was ihn dazu zwingt.
Ja, das ist, glaube ich, auch klar. Plus, es ist ja nicht nur die Erfassung, sondern es gibt ja inzwischen ganz viele auch Clinical-Decision-Support-Systeme, die dann auf irgendwelche ICD-Codes abzielen, also wenn ICD-Code gleich das und andere ICD-Code gleich das, dann, und Labor ist so und so, dann macht das und das, das wird ja alles angepasst werden müssen.
Also das ist schon ordentlich, von daher hoffen wir für die Softwarehersteller, dass es nicht eine lange Übergangsfrist ist.

